Verringerung zwangsweiser stationär-psychiatrischer Unterbringungen durch Intensivbetreuung, Schulung und präventives Monitoring

Freiheitsentziehende- oder Zwangs-Massnahmen stellen einen massiven Eingriff in die Persönlichkeit und die Handlungsautonomie einer Person dar. Gleichwohl gelten sie als unverzichtbar zur Verhinderung von Selbst- oder Fremdgefährdung, wenn den Betroffenen und/oder ihrem näheren sozialen Umfeld nicht anders geholfen werden kann und keine mildere Massnahme möglich ist. Die hohe ethische Relevanz dieser Problematik wird noch dadurch verstärkt, dass freiheitsentziehende Massnahmen in der Psychiatrie sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Gerade in der Schweiz sind die Quoten des Fürsorgerischen Freiheitsentzugs (FFE) relativ hoch (Kanton Zürich: 26% - 30% der stationär-psychiatrischen Eintritte).

 

Trotz der ethischen und versorgungspolitischen Relevanz dieser Frage mangelt es bis heute an verlässlicher Evidenz darüber, durch welche präventiven Massnahmen im Vorfeld einer psychiatrischen Krise sich unfreiwillige Unterbringungen reduzieren lassen. Eine Reduzierung unfreiwilliger stationärer Behandlungsepisoden durch geeignete präventive Massnahmen würde für die Patienten zu einer Verringerung erlebten Zwanges und einem Zuwachs an Handlungsautonomie führen. Für das Gesundheitssystem würde sie sich in einer Reduktion der Gesundheitskosten ausdrücken.

 

Mit dieser Studie, die in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Versorgungsforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, unter Leitung von Prof. H.J. Salize und Prof. H. Dressing stattfindet, soll ein neuartiges Interventionsprogramm evaluiert werden. Es setzt am Interesse der Patienten an, den Verlust ihrer Handlungsautonomie so weit wie möglich zu vermeiden. Das Interventionsprogramm besteht aus einer problemspezifischen Schulung und dem Erstellen einer individuellen Notfallkarte gemeinsam mit dem Patienten vor Austritt aus der Klinik. Darüber hinaus sieht es ein präventives Monitoring hinsichtlich individueller Risikofaktoren für eine Zwangsunterbringung anhand einer persönlichen Checkliste vor. Dieses präventive Monitoring erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren nach Austritt aus der Klinik.

 

Ziel dieser prospektiven Interventionsstudie ist es, die Effektivität und Kostenwirksamkeit dieser Massnahmen zu evaluieren. Dazu wird ein Untersuchungskollektiv von insgesamt 400 chronisch psychisch kranken Patienten mit hohem Risiko für FFE an vier Psychiatrischen Kliniken des Kanton Zürich rekrutiert. Patienten, die der Teilnahme an der Studie zustimmen, werden randomisiert der Interventionsgruppe oder einer Kontrollgruppe (die nach den üblichen Behandlungsstandards behandelt wird) zugewiesen. 

 

Zur Erfassung der Wirksamkeit werden eine Baseline-Erhebung bei Austritt aus der Klinik sowie Nacherhebungen nach 12 und nach 24 Monaten durchgeführt. Dabei handelt es sich um Befragungen der Patienten mit Interview- und Fragebogenverfahren. Erfasst werden klinische und soziodemografische Daten sowie die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen.

 

Primäres Zielkriterium für die Evaluation ist die Anzahl und Dauer unfreiwilliger stationär-psychiatrischer Aufnahmen. Erwartet wird eine signifikante Reduktion unfreiwilliger Aufnahmen bei den Patienten der Interventionsgruppe und damit einhergehend eine Senkung der Gesundheitskosten. Als sekundäre Zielgrössen werden das "Empowerment", die Behandlungszufriedenheit und Lebensqualität der Patienten betrachtet. Die Hypothese ist, dass diese Zielgrössen in der Interventionsgruppe nach 24 Monaten signifikant höher sind als in der Kontrollgruppe, der erlebte Zwang hingegen signifikant niedriger.

 

Die Gesamtprojektdauer inklusive Rekrutierungs- und Interventionsphase, 24-monatigem Nacherhebungszeitraum, Analyse und Berichterstellung beträgt ca. 5 Jahre.